Der Euro – eine wahre Gruselgeschichte: Kaufkraftverlust seit 2008

Halloween ist die Nacht der Gruselgeschichten. Man erzählt sie sich bei Kerzenlicht, von Geistern in alten Gemäuern und Schritten im Keller. Unsere Geschichte kommt ohne beides aus. Sie hat nur eine Zahl, und die ist echt.
Wer im Oktober 2008 einen Hunderter in die Lade gelegt hat, bekommt heute Waren, die damals 61,56 € gekostet hätten. Der Schein sieht noch genauso aus. Er liegt noch genauso in der Hand. Er trägt dieselbe Zahl, dasselbe Hologramm, dieselbe Unterschrift. Nur was man dafür bekommt, ist über die Jahre leise verschwunden. Kein Knall, kein Moment, an dem man es hätte bemerken können. Genau das macht es unheimlich.
Die Zahlen: Oktober 2008 bis September 2026
Grundlage ist der Verbraucherpreisindex (VPI) von Statistik Austria, Basis 2005. Er misst, wie sich die Preise eines durchschnittlichen Warenkorbs österreichischer Haushalte entwickeln: Lebensmittel, Miete, Energie, Mobilität, Freizeit und vieles mehr.
- Oktober 2008: VPI 2005 = 107,6
- September 2026: VPI 2005 = 174,8 (vorläufiger Wert)
Daraus ergeben sich zwei Zahlen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen:
- Die Preise sind um 62,5 % gestiegen (174,8 ÷ 107,6 = 1,625).
- Ein Euro hat 38,4 % seiner Kaufkraft verloren (107,6 ÷ 174,8 = 0,6156).
Wer das zum ersten Mal sieht, stutzt. Hat es nun 62,5 % oder 38,4 % erwischt? Die Antwort: beides stimmt.
Preissteigerung und Kaufkraftverlust – zwei Seiten derselben Medaille
Beide Zahlen beschreiben dieselbe Entwicklung, nur aus verschiedenen Blickwinkeln. Einmal schaut man auf die Waren, einmal auf das Geld.
Von der Warenseite: Was im Oktober 2008 im Durchschnitt 100 € gekostet hat, kostet heute rund 162,50 €. Alles ist also um 62,5 % teurer geworden.
Von der Geldseite: Für 100 € bekommt man heute nur noch so viel, wie man 2008 um 61,56 € bekommen hätte. Der Hunderter hat also 38,4 % an Wert verloren.
Warum 62,5 % nicht gleich 38,4 % sind
Der Unterschied liegt allein in der Ausgangsbasis. Die Preissteigerung rechnet vom alten Preis aus (100 € → 162,50 €). Der Kaufkraftverlust rechnet vom heutigen Preis zurück (162,50 € → 100 €).
Ein einfaches Beispiel macht es greifbar: Wenn sich alle Preise verdoppeln (+100 %), kann man sich mit dem gleichen Geld nur noch die Hälfte kaufen (−50 %). Niemand würde behaupten, das Geld habe 100 % verloren. Dann wäre es ja gar nichts mehr wert, und das stimmt offensichtlich nicht.
Deshalb ist „−62,5 % Kaufkraft“ falsch, auch wenn man es oft so liest. Richtig ist: +62,5 % Preise oder −38,4 % Kaufkraft.
Was das konkret heißt
Ein paar Rechenbeispiele mit denselben Indexwerten, damit aus Prozenten etwas Greifbares wird:
- Der Sparstrumpf: 1.000 €, die seit Oktober 2008 unverzinst herumliegen, haben heute nur noch rund 615,56 € an Kaufkraft. Das Geld ist noch da, ein gutes Drittel seiner Wirkung nicht.
- Das eingefrorene Gehalt: Ein Gehalt, das seit 2008 nominell gleich geblieben wäre, hätte heute real rund 38 % weniger Kaufkraft. Dieselbe Überweisung, spürbar weniger im Einkaufswagen.
- Der Warenkorb von damals: Wer sich heute dasselbe leisten will wie 2008 mit 2.000 €, braucht dafür rund 3.250 €.
Das sind Durchschnittswerte. Wer Zinsen bekommen hat oder dessen Einkommen gestiegen ist, hat einen Teil davon ausgeglichen. Der Wertverlust des Geldes selbst bleibt aber derselbe: Er passiert im Hintergrund, Jahr für Jahr, ohne dass jemand etwas dafür tun muss.
Was der VPI zeigt – und was nicht
Der VPI zeigt zuverlässig, dass und wie stark die Preise gestiegen sind. Er sagt nicht, warum. Dazu gibt es viele Erklärungen und noch mehr Debatten. Für diesen Artikel bleiben wir bei dem, was gemessen ist.
Und noch etwas zeigt der VPI nicht: deine Teuerung. Er bildet einen Durchschnittshaushalt ab, den es so in Reinform nirgends gibt. Wer viel für Wohnen, Energie oder Lebensmittel ausgibt, erlebt eine andere Inflation als jemand, der vor allem Elektronik kauft. Familien merken Teuerung anders als Singles, Pendler anders als Städter.
Mehr dazu findest du im Artikel über gefühlte Inflation und den Warenkorb. Wie sich Teuerung in kleineren Packungen versteckt, liest du unter Shrinkflation. Und wenn du die Grundbegriffe noch einmal sauber nachlesen möchtest, hilft dir Inflation 101.
Deine eigene Gruselgeschichte – oder eine harmlose?
Ob dein Hunderter seit 2008 wirklich 38,4 % verloren hat, oder mehr, oder weniger, hängt davon ab, was du tatsächlich einkaufst. Vielleicht ist deine persönliche Geschichte gruseliger als der Durchschnitt. Vielleicht kommst du glimpflicher davon. Der Durchschnitt allein kann es dir nicht sagen.
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Quellen
- Statistik Austria: Verbraucherpreisindex (VPI/HVPI) – VPI 2005, Oktober 2008 = 107,6; September 2026 = 174,8 (vorläufig)